die wandlerin

 

Mein Leben als Kind im Rinecker Haus

Als 3. Kind von Karl-Philipp und Pauline Rinecker durfte ich in meiner künftigen Küche das Licht dieser Welt erblicken. Genau genommen erblickte ich nicht nur das Licht, sondern verinnerlichte auch gleich den Faschingstrubel. Warum das?  Nicht weil ich in eine etwas schrägen Familie hineingeboren wurde, sondern weil schlicht und ergreifend der Faschingszug  just bei der Geburt am Haus vorbeizog. Ansonsten war das Leben dieser Familie, die ich fortan mein eigen nennen durfte, herrlich einfach.

Der Waschtag

Ohne Waschmaschine aber mit der Supervariante eines kurzzeitigen Trips verbunden, fand ich den Waschtag immer perfekt. Mama durfte schrubben, wringen  und den mit nasser Wäsche aufgetürmten Schubkarren zum Blechroose manövrieren. Ein benzingetriebenes Gefährt nannten wir nicht unser eigen. Also musste ich unbedingt dabei sein, denn ich hatte ein Ziel. Deswegen belauerte ich in Habachtstellung meine Mutter bis es dahin ging, wo ich hin wollte. Nämlich zum Bleichrasen mit seinen hoffentlich anwesenden langen Wohnwägen mit dem Krönchen über die Fenster. Sowie den faszinierenden Menschen drum herum.

Schon oben  am Aussichtspunkt, Weihertorstraße, sagte Mama immer: "Ah, die Zichöiner sinn widder da." Mein Herzerl hüpfte vor Freude. Mit Spannung konnte ich die nun folgende Arbeitsteilung kaum erwarten. Mama lürte geübt die Wäsche in der Saale und ich arbeitete für die Allgemeinheit, nämlich der Bleichrasenverschönerung. Mein Gießkännchen, ein Fundstück vom Bleichrasen und natürlich aus buntem Plastik, hatte ich als die  ideale Begleiterin für mein Vorhaben dabei. Gießen  war aber auch außerordentlich wichtig auf dem trockenen und kargen Kiesboden. Naja, eigentlich war es nur ein Placebogießen, weil eigentlich wollte ich nur das herrlich bunte und ewig blabbernde Volk beobachten. Für mich horizonterweiternd und Genuss pur in der ersten Lebensphase. Sowie grundlegend für einen späteren Wohnwagen.

Camping & Mobilstellplatz

Der Schlachttag  

Statt der Waschmaschine stand der Wöschkessel in der Wöschküche. Und damit kreierten wir kurzerhand nochmal  1-2 Erlebnistage ins bäuerliche Jahr. Die Schlachttage.  In dem Kessel wurden die geschlachteten und verwursteten Teile  des selbst gezüchteten Schweins gekocht. Das Kochwasser wurde  zur leckeren Gredelsubbe in der glenne Bröckelich von den aufgeplatzten Leberwürste herumschwammen. Mmmmmh, endlich durfte ich Brot in den Teller brocken, Suppe drüber schöpfen und perfekt war mein 1 a Kindheitsdinner. Danach noch eine heiße Leberwurst mit ganze Grumben, es war einfach ein Gedicht. Und dann folgte noch ein Highlight des Events. Der Direktvertrieb. Das Managment unterstand natürlich meiner Mama, die hatte den Durchblick, wohin ich liefern sollte. Suppe ins geliebte Henkelkännchen, mit dem wir sonst Milch austrugen, und ich wurde schwuppdiewupps um 10 oder 20 Pfennig  oder ein paar Leckerlich reicher. Ein Trinkgeld für die Suppe von den Nachbarn im Viertel. Ja und somit hatte mein späteres Direktvertriebsleben  bei mir Fuß gefasst.

Nur eins fand ich ziemlich abartig, Blutrühren für die Blutwürste. Mein Gesichtsausdruck wechselte zwischen Faszination und Ekel während mir die Begleitmusik des Erlebnistages in Mark und Bein hing. Ja auch Schweine sterben nicht gerne und schreien herzzerreißend um ihr Schweineleben. Auch die schrillen, extrem hohen Schreie der Stallhasen sind unvergesslich in's Gehirn eingebrannt. Hase an den langen Ohren gepackt, über die Ablaufrinne des Gullys halten und mit einem schnellen, kräftigen Schlag in's Genick zielen. Nur der Schlag war anscheinend manchmal nicht kräftig genug. Meine Schutzposition, außer Sichtweite des Geschehens und mit den Fingern in den Ohren, half mir auch nicht wirklich. Beim Hühnertod ging's schon etwas lustiger zu. Das Einfangen glich manchmal einem Specktakei. Der Hackstock und das Beil waren eh immer parat. Also ab mit dem Huhn auf den Stock und Kopf ab. Das Ende war auch etwas belustigend, dieses Federvieh führte uns manchmal zum Ende seinen Lebens noch einen Totentanz vor. Mein Veggileben war vorprogrammiert. Auch unsere Täubchen landeten im Bratentopf. Die fleischigen Mahlzeiten wurden allerdings  auf cirka 2 mal pro Woche rationiert.

Alles was sich im Garten und auf dem Feld heran ziehen ließ, verarbeitete Mama stundenlang in schicke Gläser. Folglich  ploppten die Gummiringe der Eingemachgläser beim Kochen. Obst, Gemüse, Säfte lachten uns kreativ abgefüllt  aus den Gläsern an. Bratenfleisch  gab es auch aus dem Glas, nachdem das in Salz eingelegte Fleisch aufgebraucht war. Danach kamen nämlich die Fleischgläser aus dem Keller dran.  Das Fleisch selbst war mir nicht wichtig, aber die Sülze, mein absoluter Höhepunkt vom Inhalt des Glases. Ah, Eier mit weißem Gewappel im hohen Tontopf stand auch noch im Keller rum. Komisches Zeug. Aber die Eier aus dem Topf statt aus dem Hühnernest schmeckten im Winter genauso gut.

Was gab es damals noch?  Kartoffel unn Grumben und Grumben unn Kartoffel. Tja, sie ist halt mal eine Ollrounddame und damals das wichtigste, schnellste und billigste Grundnahrungsmittel. Zemmete mit saurer Milch oder mit Hutzelbrüh (selbstgedörrte Zwetschgen),  Grumben und Dubbdubb (Pellkartoffel mit Salz, Butter und eingemachte Gurken), Grumbenzelod, Grumbenbrei, Grumbensgemüäs, Grumbenspfannkuche mit Öpfelbrei, Grumbensklöäs,  Grumben mit Schwoartemooche unn Kümmeling. Irgendwie war Mama eine Grumbenkünstlerin. Außerdem hingen und lagen sorgfältig und luftig verteilt Büschel von selbstgesammelter Pfefferminze und Kamille dekorativ im Dachboden.

Heute nennt man diese Lebensart retrogemäß und etwas verklärt: Selbstversorger!  Ich wage einen realistischen  Rückblick auf die bäuerliche Lebensform meiner Eltern und fasse sie  in 3 Worte zusammen: Harte Arbeit, Sparsamkeit und Arbeit!

Zugekauft wurde  nur wenig. Zum Beispiel der Huxol-Kräutertee von der Schäfers Mathilde. Ja die Schäfers Mathilde, eine Frau, so anders wie meine Mama. Die eine Bauerin, die andere eine Geschäftsfrau, ich bewunderte sie.

Unner Vierdl

Einkaufen und das Leben war in unner Vierdl, war als Kind ein Vergnügen. Es war wie ein kleiner Ausflug in die weite Welt der verführerischen bunten Waren, die es außerhalb dem Rinecker Haus und dem Huberseck gab. 

Bei der Schäfers Mathilde (Lebensmittel/Dalbergstr. 45), beim Emmerts Helmut (Bäckerei/Dalbergstr. 43), beim Michele (Bäckerei Göpfert/Dalberstr. 5), beim Hermann Reusch (Frisör Dalbergstr. 4), beim Schreiners Andres (Gläser, Messer Schultheißstr. ?), beim Frank (Hasenfelle, Lumpensammler, Am Viehmarkt ?), beim Heinikel (Glaserei Am Viehmarkt ?), beim Herbste Schuster (Bahnhofstr. ?), beim Iffe Schuster (Dalbergstr. 47), beim Endres (Schreibwaren/Dalbergstr. 1), beim Hermann Zahner (Bäckerei/Dalbergstr.?), beim Guttenbach (Gäulsmetzger/Rineckerstr. ?), der Krons Schorsch (Dalbergstr. ?) mit Wurschdschnabberles.

Mit meinem  jüngeren Bruder Franz im Schlepptau ging ich gern auf Tour.  Ein wahrhaft heimeliger und übersichtlicher Aktionsradius in den cirka ersten 10 Jahren. Dieses Viertel ist eine extra Abhandlung wert.

WohnART

Wir, 6 Personen, hatten erst einen Raum, dann auch die Küche. Nach ein paar Jahren ein weiteres kleines Zimmer und dann die Wohnstube. Also das gesamte Erdgeschoß.

Die 3 Fenster in der Wohnstube waren was Besonderes für mich, eigentlich nur 2 von den 3. Unter dem rechten Fenster schlief ich eine Zeit lang und was sag ich, an diesem Fenster blühten übervoll im Winter Blumen. Ein wahres Wunderwerk diese seltsamen  Gebilde. Wie, liebe Leser ihr friert bei dem Gedanken in diesem Bett schlafen zu müssen? Nein es war normal, denn wir hatten ja 1 oder 2 Wärmflaschen vorher unter die Decke gesteckt. Aber meine Rineckernase erlebte schon ein Wechselspiel des Wärmegrads  und der Farbe. Das mittlere Fenster erinnert mich an Faschingsumzug und krank sein. Warum? Genau genommen war es eine Tragödie für mich, nicht beim Faschingsumzug raus zu können um dabei zu sein. Also hob mein Papa mich eingemummeltes Wesen liebevoll aus dem mittleren Fenster. Ich konnte nun auch winken und rufen. Aber was ganz besonders war, es flogen diese leckeren, süßen Geschosse zu mir ins Fenster: Man nennt sie Bonbons, denn die gab es nicht oft, sie waren also  für mich absolut erstrebenswert.

Nach dem Tod meiner Oma Katharina und dem Auszug meiner Tante Franziska mit Familie erhielten wir das komplette Haus. In meiner jüngeren Kindheit beherbergte das Rinecker Haus somit 13 Menschen in 10, zumeist kleinen Zimmern. Ein großes stattliches Haus mit viel Leben in sich.

Übrigens Toilette besaßen wir selbstverständlich auch, allerdings in sehr historischer Form. Nämlich als Holzhäuschen getarnt über'n Hof mit Fallvariante und Einbruchoption. Die Fallvariante rührt von der zuständigen Bestimmung des Häuschens her. Die Einbruchoption stand mit schon etwas fauligen Bodenbrettern in Verbindung. Für das Papier war ich zuständig und ich machte es verdammt gerne. Ja wirklich, ich war stolz auf meine Leistung, wenn das gerissene Zeitungspapier, handlich genormt und dekorativ an der Seite des Sitzloches stapelte. In den Winternächten gab es den nicht so angesagten Nachttopf. Oder den Kuhstall mit seiner Ablaufrinne zum Suddelouch, den kleinen feuchtwarmen Strohhäufchen hinter den wärmenden Kühen und ihrem angenehmen Duft. Ja, auch Kuhstallduft kann behütet sein, vermitteln.

Unsere Badewanne war ganz in Zink gehalten und in einer Anwandlung von  modernen Style ließ der Designer den Ablaufstöpsel weg. Auch war sie nicht sehr groß aber trotzdem säuberte  der Inhalt die ganze Familie. Diese Version des Familienbades war sehr praktisch angelegt, denn die Wanne musste nicht mehr geleert werden.  Kleinkindergemäß verteilten wir  das schöne flüssige Spielzeug über den Holzdielen des Küchenbodens.

Raus aus der Beschaulichkeit

Episoden der Kindheit im Rinecker Haus unn drümrüm gibt es noch genug zu erzählen. Auf jeden Fall war meine Kindheit übersichtlich und bodenständig geprägt.

Ich wollte mehr Übersicht und somit entließ mich das Rinecker Haus  im Dezember 1977 in meine ganz persönliche Zukunft.

Mein Leben als Erwachsene im RiNECKER HAUS

 

Ein Anwesen im Wandel der Zeit

Ja nun beherbergt mich das Rinecker Haus wieder. Hm, soll ich jetzt auch eine Kuh in den Stall stellen und an der vorhergehenden Struktur anknüpfen? Hahaha, da fallen ja vor lauter Lachen die Hühner von der Stange.

Ein Wandel muss her!

Also was tun? Dieses Ding ist eine gewaltige Herausforderung, aber nicht unlösbar.  Die Seiten dieser Website zeigen die Richtung Heute

In Kürze auf MARiAs BLOG

 

MARiA K.RiNECKER
MARiA K.RiNECKER